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Umweltschutz in der Volksrepublik China
Die Umweltprobleme Chinas sind gravierend. In den Großstädten wird die Atemluft knapp, und das durch ländliche Industrien verschmutzte Wasser verseucht das Ackerland. Der Ende der siebziger Jahre von Deng Xiaoping in Gang gesetzte wirtschaftliche Reformprozeß hat jedoch auch zu einer Stärkung des Umweltbewußtseins geführt, die sich in konkreten Umweltschutzmaßnahmen niedergeschlagen hat. Der Wille zur Verbesserung des Umweltschutzes wird auch dadurch dokumentiert, daß die VR China nach der »Konferenz für Umwelt und Entwicklung der Vereinten Nationen (UNCED)« von Rio 1992 als erstes Land ein eigenes »White Paper« veröffentlicht und konkrete Maßnahmen zur Umsetzung der unterzeichneten Agenda 21 eingeleitet hat.
Zur Umsetzung der neuen Gesetze und Verordnungen fehlt es jedoch oft
an finanziellen Mitteln, technischer Ausrüstung und qualifizierten
Umweltschutzexperten. Im Kampf gegen die Umweltzerstörung ist die
VR China daher auf ausländische Hilfe angewiesen. Daß eine derartige
Hilfe für beide Seiten von Nutzen sein kann, wird nicht nur aus den
positiven Folgen einer Senkung des chinesischen CO2-Ausstoßes auf
die globale Verringerung des Treibhauseffektes deutlich. Die VR China avanciert
zu einem der wichtigsten Märkte für Umwelttechnologien, der von
deutschen Unternehmern wie Politikern nicht ignoriert werden darf.
Ursachen und Kosten der Umweltverschmutzung
Die eindrucksvollen Erfolge beim Aufbau einer marktwirtschaftlich orientierten Volkswirtschaft, die sich in den vergangenen Jahren in Wachstumsraten von real über 10% niederschlugen, haben Umweltschutzerwägungen bislang weitgehend verdrängt. Die auf die Maxime »maximaler Output bei geringst möglichen Kosten« zurückzuführende steigende Umweltbelastung hat mittlerweile jedoch die oberste chinesische Umweltbehörde, die »National Environmental Protection Agency« (NEPA), dazu veranlaßt, Alarm zu schlagen. Sie rechnet vor, daß der ökonomische Gesamtverlust, der China durch die Umweltverschmutzung jährlich entsteht, sich auf ca. 8% des BSP beläuft. Hierzu trägt die Luftverschmutzung mit 32,5%, die Wasserverschmutzung mit 41% und die Verseuchung der Böden mit 26,5% bei (vgl. Abb. 1).
Die Luftverschmutzung in der VR China ist nicht allein eine nationale Angelegenheit. Sie hat weltweite Auswirkungen. Das Land liegt mit seinem CO2-Austoß bereits hinter den USA und der GUS an dritter Stelle. Hauptproduzent des Treibhausgases ist mit drei Vierteln die Industrie (vgl. Abb. 2). Einen relativ großen Anteil an den in China entstehenden Treibhausgasen hat aber auch N2O, das vor allem auf den Reisfeldern entsteht (vgl. Abb. 3).
Die Luftverschmutzung ist in den Städten besonders ausgeprägt. Zwar sind nur 0,5% der Landfläche Chinas »kernstädtisch«, doch werden 45% des jährlichen Gesamtverbrauches an Kohle auf dieser Fläche verbrannt.1 Die staatlich festgelegten Grenzwerte werden hier im Durchschnitt um das Doppelte, in Industriegebieten bis zum Vierfachen überschritten.2 Über Chongqing (Provinz Sichuan) fielen 1993 beispielsweise 80% aller Niederschläge als saurer Regen mit einem durchschnittlichen PH-Wert von 4,38 im Jahr.3 Allein in dieser Stadt wurden die 1993 durch sauren Regen entstandenen Schäden auf 110 Mill. DM geschätzt.
Die Hauptursache für den hohen Luftverschmutzungsgrad liegt in der Art der Energiegewinnung. Drei Viertel der Primärenergie werden durch die Verbrennung ungewaschener Kohle gewonnen. Verschärfend kommt hinzu, daß die Feuerungsanlagen häufig veraltet sind und nur einen geringen Nutzungsgrad aufweisen. Auch die Unternehmen sind nur unzureichend mit Emissionsrückhalteanlagen ausgerüstet. Und selbst wenn Filteranlagen eingebaut sind, bedeutet dies noch keine Garantie für aktiven Umweltschutz. Einigen Unternehmen steht nicht genug Energie zur Verfügung, um die Anlagen auch zu betreiben. Diese werden daher häufig nur bei Umweltschutzkontrollen eingeschaltet, um gleich danach wieder außer Betrieb gesetzt zu werden.
Auch die Wasserverschmutzung hat in der VR China dramatische Ausmaße angenommen: 85% der Flüsse gelten als verseucht. Jährlich werden ca. 35,5 Mrd. t Abwässer abgeleitet, von denen nur ein Bruchteil behandelt wird. Insbesondere in Kleinstädten und Dörfern leiten die neu entstandenen Industrien ihre Abwässer ungeklärt ab. Wie gefährlich diese Entwicklung ist, zeigt sich darin, daß der mit Schwermetallen und Phenolen belastete Flußschlamm von Bauern als Dünger genutzt wird. Als Folge ergibt sich eine gesundheitsgefährdende Belastung der Feldfrüchte mit Chrom, Blei und Kadmium.
Diese Handlungskette führt dazu, daß sich auch die ländlichen
Regionen mit zunehmendem Wirtschaftswachstum vermehrt Umweltproblemen ausgesetzt
sehen. Einerseits steuert der Ackerbau selbst durch Überdüngung
und die Nutzung von Kunststoffolien für die Frühpflanzung zur
Vernichtung von Anbaufläche bei. Andererseits gehen durch den Bau
der sich rasch ausdehnenden Industrie »auf der grünen Wiese«
wertvolle Ackerbauressourcen verloren. Die an den Stadträndern neu
angesiedelten Industrien tragen erheblich zur Verseuchung der Gewässer
und Böden bei. Fatalerweise wird diese Entwicklung durch offizielle
Maßnahmen gefördert, die Fabriken mittels hoher Anreize zu einem
»Umzug« aus den (touristisch wertvollen) Städten hinaus
auf das Land veranlassen.
Chinas »Langer Marsch« zum Umweltschutz
Die chinesische Regierung hat zwar seit 1949 immer wieder vereinzelte Umweltschutzmaßnahmen ergriffen. Sie waren allerdings meist ein Nebenprodukt des Kampfes gegen die Armut durch einen sparsamen Umgang mit den verfügbaren Ressourcen. Der Beginn des staatlichen Umweltschutzes in China kann daher auf das Jahr 1972 datiert werden, in dem Premier Zhou Enlai eine Delegation zur »UN Conference for Human Environment« schickte. 1978 nahm die chinesische Regierung den Umweltschutzgedanken erstmals in der Verfassung auf, und ein Jahr später wurde das »Nationale Umweltschutzgesetz« erlassen, welches in der revidierten Fassung von 1989 noch heute gilt (vgl. die Übersicht »Chinas Langer Marsch zum Umweltschutz«).
Die chinesische Führung hat unter dem Ministerpräsidenten und ehemaligen Leiter der Staatlichen Umweltschutzkommission Li Peng dem Umweltschutz eine größere Priorität eingeräumt. Dies spiegelt sich nicht nur in dem wachsenden Umweltschutzbudget wider (vgl. Abb. 4).
Das Land befindet sich - zumindest was den Erlaß von Umweltschutzgesetzen (14 in den letzten fünf Jahren), Verwaltungsrichtlinien (20) und Umweltstandards (350) betrifft - auf der Schwelle vom rein quanitativen zum qualititativen Wirtschaftswachstum, bei dem die Umwelt als ökonomisches Gut behandelt wird.
Die wichtigsten staatlichen Maßnahmen in der jüngsten Zeit
bestehen aus dem »Fünfjahresplan für die Verbesserung der
ökologischen Bedingungen« (vgl. Abb. 5) und der Verabschiedung
der »China Agenda 21« durch den Staatsrat. Nach dem Fünfjahresplan
soll vor allem die multilaterale Kooperation im Umweltschutz gestärkt
werden. Hiermit erhofft sich China finanzielle Hilfe und einen Know-how-Gewinn
in Sachen Umweltschutz. Die »China Agenda 21« wurde 1992 nach
der »Konferenz für Umwelt und Entwicklung der Vereinten Nationen
(UNCED)« in Kooperation von 52 Ministerien verfaßt und stellt
die chinesische Strategie eines »Sustainable Development« vor.
Chinas Umweltmanagementsystem
Nach ihrer Gründung als eigenständige Behörde im Jahr 1988 hat die NEPA mit ihren 2300 lokalen Umweltschutzbüros ein komplexes Umweltmanagementsystem entwickelt, das auf acht zentralen Komponenten basiert (vgl. Abb. 6).4
(1) Verantwortlichkeitssystem
Im Rahmen des Verantwortlichkeitssystems werden die politischen Führungskräfte einer jeden Region für die Aufstellung und Realisierung von Umweltschutzzielen in ihrem jeweiligen Verwaltungsgebiet persönlich verantwortlich gemacht. Zu diesem Zweck müssen Provinzgouverneure, Bürgermeister, ländliche Verwaltungsbeamte und Wirtschaftsfunktionäre »Verantwortlichkeitsverträge« unterzeichnen, die veröffentlicht werden. Jeder Unterzeichner verpflichtet sich dazu, die Umweltqualität in seinem Bezirk bzw. die Umweltbelastung durch sein Unternehmen gemäß den an zentralen Vorgaben orientierten Standards zu verbessern. Die Verträge gelten für einen festen Zeitraum, nach dessen Ablauf beurteilt wird, ob die im Vertrag festgeschriebenen Ziele erreicht wurden. Je nach Zielerreichungsgrad werden Belohnungen bzw. Bestrafungen ausgesprochen. Die Wirksamkeit dieses Systems ist allerdings insofern eingeschränkt, als die jeweils Verantwortlichen großen Einfluß auf die ihnen auferlegten Zielvorgaben nehmen können.
(2) Integrierte Kontrolle und Zielevaluation
Ebenso wie das Verantwortlichkeitssystem, ist auch die auf der strategisch-planerischen Ebene festgemachte integrierte Kontrolle und Zielevaluation eine einzigartige chinesische Umweltschutzstrategie. Das System gliedert sich in zwei Teilbereiche. Das »Integrierte städtische Verschmutzungskontrollsystem« befindet sich noch in der Entwicklungsphase und soll später alle Sektoren der Gesellschaft abdecken. Ziel ist es, die Parameter Umweltschutz, Wirtschaftswachstum und Stadtentwicklung durch eine umfassende Planung, eine ordnungspolitisch-institutionelle Umstrukturierung des Wirtschaftssystems und die Förderung des technischen Fortschritts harmonisch miteinander zu verbinden. Mittels des »Umweltschutz-Evaluationssystems« werden 32 Großstädte Chinas anhand von 20 Kriterien zu Luft- und Wasserqualität, Abfallentsorgung, Lärmbelästigung und Stadtbegrünung einer Bewertung unterzogen. Den Provinzgouverneuren steht es frei, weitere Städte, die unter ihrer Verwaltung stehen, zu einer Teilnahme an dieser Evaluation zu verpflichten. Die Ergebnisse werden in den Medien veröffentlicht und führen somit zu öffentlichem Lob oder Tadel der Verantwortlichen, allerdings zu keinerlei materieller Bestrafung. 1993 führten Suzhou, Tianjin und Dalian die »Top 10« der saubersten Städte an. Peking belegte Platz sieben während die Hauptstadt der Inneren Mongolei, Hohot, das Schlußlicht bildete.
(3) Zentralisierte Verschmutzungskontrolle
Aufgrund der mangelnden Erfolge der bislang praktizierten dezentralen Kontrollverfahren werden diese durch eine landesweite, zentral ausgeübte Verschmutzungskontrolle ergänzt. Die dezentralisierte Verschmutzungskontrolle litt bislang vor allem an der mangelhaften Ausstattung der unternehmensinternen Umweltschutzabteilungen und der schlechten Ausbildung der zuständigen »Umweltschutzexperten«. Zentrale Einrichtungen, wie Klärwerke zur Reinigung industrieller und städtischer Abwässer, sollen nun Effizienzsteigerungen bei gleichzeitigen Kostensenkungen ermöglichen.
(4) »Environmental Impact Assessment« (EIA)
Im Zuge des »Environmental Impact Assessment« werden die Auswirkungen einzelner Projekte auf die Umwelt prognostiziert und bewertet (vergleichbar mit der »Umweltverträglichkeitsprüfung« in anderen Ländern). Insofern der regionalen Umweltschutzbehörde kein günstiges Prüfungsergebnis vorgelegt werden kann, ist es dieser möglich, die Freigabe von Landnutzungsrechten und Kreditlinien zu blockieren. Eine gesetzliche Verpflichtung zur Ausführung einer derartigen Überprüfung ist bislang jedoch nur für Projekte mit einer Investitionssumme von über 200 Mill. Yuan (ca. 36 Mill. DM) vorgesehen. Den potentiellen Umweltschäden, die von kleineren Projekten ausgehen, kann durch diese Maßnahme nicht begegnet werden.
(5) »Drei-Synchronisationen«-System
Das »Drei-Synchronisationen«-System sieht vor, daß bei der Errichtung einer Fabrik die Planung sowie der Bau und Betrieb von Schadstoffbehandlungsvorrichtungen mit Planung, Bau und Betrieb des gesamten Projekts koordiniert werden. Das System ist bei allen Neubauten und bei der Erweiterung oder dem Umbau bestehender Fabrikanlagen anzuwenden. Die Synchronisation der Planung ist mit der Anmeldung des Projektes bei der zuständigen, lokalen Umweltschutzbehörde abgeschlossen. Die zweite Synchronisation (Bau) erlaubt es den lokalen Umweltschutzbüros, die Baustellen von Fabriken zu besuchen. Die dritte Synchronisation (Betrieb) besteht aus einer Untersuchung und gegebenenfalls Zulassung der eingebauten Umweltschutzanlagen durch das Umweltschutzbüro. In der Praxis fehlen bei der Implementierung der »drei Synchronisationen« allerdings weitgehend die finanziellen Mittel und das Know-how, um das System in der Breite umzusetzen.
(6) Verschmutzungsgebühren
Durch Verschmutzungsgebühren sollen finanzielle Anreize für die Einhaltung der Umweltstandards gesetzt werden. Auf Grund der leichteren Operationalisierung werden Verschmutzungsgebühren vornehmlich im Wasserschutz angewendet. Das Netzwerk von »Monitoring Stations« zur Erkennung und Erfassung der Verschmutzer ist allerdings auch in diesem eingeschränkten Bereich lückenhaft. Die Wirksamkeit dieser Maßnahme wird zudem dadurch beeinträchtigt, daß die Strafgelder unter den Grenzkosten der Verschmutzungsvermeidung angesetzt sind. Unter betriebswirtschaftlichen Gesichtspunkten ist es für die Unternehmen daher zumeist günstiger, die Umwelt weiterhin zu belasten, als Emissionsrückhalteanlagen einzubauen. Teilweise ist selbst der Betrieb bereits bestehender Einrichtungen teurer als die Entrichtung der Strafgebühren.
Die in Form von Verschmutzungsgebühren eingezogenen Gelder fließen in einen Fonds, der der Finanzierung von Umweltschutzmaßnahmen dient. Zugang zu diesen Geldern haben ausschließlich die Unternehmen, die aufgrund von Umweltverstößen bereits Einzahlungen leisten mußten. Unter Vorlage eines detaillierten Plans zur Verbesserung ihrer Umweltschutzmaßnahmen können sie niedrigverzinsliche Darlehen zum Einbau entsprechender Anlagen beantragen. Auf diese Weise fließen bis zu 80% der eingezahlten Verschmutzungsgebühren wieder an die Unternehmen zurück.5 1993 beliefen sich die eingezogenen Gelder auf 310 Mill. US$.6 Damit konnten 6% der landesweiten Ausgaben zur Kontrolle der industriellen Umweltverschmutzung finanziert werden.
(7) »Verschmutzungserlaubnis«
Das System der »Verschmutzungserlaubnis« setzt an der Kontrolle der Gesamtverschmutzungsmenge an. Zu diesem Zweck ermitteln die Umweltschutzbehörden für jeden die Umwelt belastenden Stoff die maximal zu tolerierende Konzentration. Nach dieser Maßgabe wird den verschiedenen Unternehmen ein maximal gestattetes Emissionsvolumen zugewiesen. Diese Art der Verschmutzungskontrolle erfordert allerdings einen nicht unerheblichen bürokratischen Aufwand, dem die Umweltschutzbüros bisher kaum nachkommen können.
(8) »Zeitlimit«-System
Das »Zeitlimit«-System zielt vornehmlich auf die Reduzierung der von älteren Unternehmen ausgehenden Umweltverschmutzung ab. Diesen wird eine Frist gesetzt, bis zu der sie ihre Emissionen auf einen bestimmten Wert gesenkt haben müssen. Eine Fristverfehlung wird mit empfindlichen Strafen geahndet.
Deutsch-chinesische Umweltschutzkooperation
Die Erfahrungen, die die Bundesrepublik Deutschland in den letzten Jahrzehnten im Umweltschutz sammeln konnte, treffen in der VR China auf reges Interesse. So findet der 1978 in Deutschland eingeführte »Blaue Engel« in der VR China seit 1994 sein Pendant in der Kennzeichnung umweltfreundlicher Produkte durch das »Chinese Certification Commitee for Environmental Labelling Products«.
Das beiderseits steigende Interesse zeigt sich auch in dem am 26. September 1994 zwischen dem Bundesumweltministerium und der NEPA geschlossenen »Abkommen über Zusammenarbeit im Umweltschutz«. Darin geben beide Seiten ihrer Überzeugung Ausdruck, daß »eine nachhaltige Wirtschaftsentwicklung eine umweltverträgliche Bewirtschaftung natürlicher Ressourcen gebietet«. In dem sehr umfassenden, aber auch sehr allgemein gehaltenen Dokument wird eine Zusammenarbeit in den Bereichen Wasserreinhaltung, Luftverschmutzung, Abfallbewirtschaftung, Meeresverschmutzung sowie in der Umweltpolitik und im Umweltmanagement vorgesehen. Außerdem ist beabsichtigt, im Rahmen von gemeinsamen Tagungen, Fachsymposien und Konferenzen einen Meinungsaustausch über Themen von gemeinsamem Interesse, insbesondere über Klimaveränderungen, Schutz der Ozonschicht und Artenvielfalt zu fördern.
Der Stellenwert des Umweltschutzes in den deutsch-chinesischen Beziehungen ist auch bei der jüngsten China-Reise von Bundesaußenminister Klaus Kinkel im Oktober 1996 deutlich geworden. Im Gefolge des Ministers reisten 17 Umweltfachleute, die deutsche Umwelttechnologie in der VR China bekannt machen sollten.
Um deutschen Unternehmen den Zugang zum chinesischen Markt zu erleichtern, hat das Delegiertenbüro der deutschen Wirtschaft in Shanghai inzwischen die Position eines Umweltmanagers eingerichtet. Er soll den chinesischen Umwelttechnologiemarkt für deutsche Unternehmen transparenter machen und bei Geschäftsanbahnungen Hilfestellung leisten. Eine zentrale Aufgabe ist in diesem Zusammenhang die Sammlung von Informationen über Projekte, Ausschreibungen, Firmen und Institutionen sowie aktuellen Entwicklungen in der Umweltgesetzgebung.
Eine richtungsweisende Initiative hat die IHK Oberfranken mit der Gründung eines »Firmenpool: Umwelttechnik China«, an dem zwölf mittelständische Unternehmen partizipieren, gestartet. Durch die von der IHK koordinierte Zusammenarbeit innerhalb des Firmenpools soll der Aufbau von Vertriebsstrukturen und die Herstellung von Kontakten zu geeigneten Importeuren, Lizenz- und Kooperationspartnern sowie Industrie- und Handelsvertretern erleichtert werden. Zu diesem Zweck ist u.a. bereits ein Gemeinschaftsbüro in Beijing eingerichtet worden.
Implikationen des wachsenden Umweltbewußtseins für ausländische Investoren und Geschäftsleute
Das wachsende Umweltbewußtsein in der VR China birgt für ausländische Unternehmen und Geschäftsleute Vor- und Nachteile. Einerseits führen die steigenden Umweltstandards dazu, daß Firmen, die sich in der VR China niederlassen wollen, einen höheren bürokratischen und technischen Aufwand betreiben müssen. Andererseits eröffnet sich aber auch ein riesiger Absatzmarkt für Umwelttechnologien.
Ausländische Unternehmen müssen in der VR China die fünf nationalen Umweltstandards zur Luft- und Wasserverschmutzung, Lärmbelästigung, Feststoffbehandlung und Stadtbegrünung7 beachten. Die Standards können seitens der regionalen Umweltschutzbehörden auf Provinz- und lokaler Ebene verschärft oder ergänzt werden. Zudem werden ausländische Unternehmen auch für die Einhaltung der Umweltstandards durch ihre chinesischen Subunternehmer verantwortlich gemacht.
Nach Unternehmensberichten wird die Einhaltung der Umweltschutzauflagen durch ausländische Unternehmen häufiger und strenger kontrolliert als deren Einhaltung durch chinesische Unternehmen. In einzelnen Fällen ist es bereits zur Verhängung von Bußgeldern und sogar zur Schließung von Produktionsstätten gekommen.8 Nach einer Studie des ifo Instituts9 sind 55% der ausländischen Produktionsunternehmen der Meinung, daß Chinas Umweltschutzbestimmungen internationalem Standard entsprechen. 8% sind der Auffassung, sie seien zu streng, 37% halten die Bestimmungen für unzureichend. Die Überwachung durch die lokalen Behörden (vgl. Abb. 7) halten 56% der befragten Unternehmen für streng bzw. äußerst streng. Andererseits äußern jedoch auch 44% der Befragten Zweifel an der Ernsthaftigkeit der behördlichen Umweltschutzbestrebungen.
Je restriktiver die chinesischen Umweltgesetze formuliert und gehandhabt werden, desto größer wird die chinesische Nachfrage nach ausländischer Umwelttechnologie werden, da das inländische Angebot die Nachfrage in absehbarer Zukunft weder in quantitativer noch qualitativer Hinsicht wird abdecken können.
Bei konsequenter Umsetzung der Gesetze zur Wasser- und Luftreinhaltung wird in der VR China eine bedeutsame Nachfrage nach Entschwefelungs- und Entstickungsanlagen sowie sonstigen Filteranlagen entstehen. Sehr häufig fehlen derzeit noch Einrichtungen zur Abwasserentsorgung und
-aufbereitung. Versiegelungstechniken werden für Sondermülldeponien benötigt, die zumeist noch unversiegelt sind und daher das Grundwasser verseuchen. Im Zuge der Modernisierung der staatlichen Schwerindustrie- und Maschinenbauunternehmen, die als die größten Umweltverschmutzer gelten, besteht ein großes Marktpotential für Umwelttechnologien, die auf die Vermeidung oder Entsorgung von Sonderabfällen ausgerichtetet sind. Hier besteht u.a. ein Bedarf an Staubförderanlagen, Rauch- und Kohlegasentschwefelungssystemen sowie Staubabscheidegeräten.
Zur Überwachung der Umweltsituation werden schließlich auch Meß-, Prüf- und Kontrollinstrumente benötigt. Das diesbezügliche Marktvolumen wird auf ca. 15 000 Einheiten bzw. ca. 4 Mill. DM geschätzt. Das Gesamtvolumen des chinesischen Umwelttechnologiemarktes bis zum Jahr 2000 wird von der chinesischen Regierung mit insgesamt ca. 200 Mrd. RMB (35 Mrd. DM) beziffert.
Die deutsche Umweltschutzindustrie ist zu 26% im Bereich der Abfallwirtschaft, zu 20% in der Abwassertechnik und zu 18% in der Luftreinhaltung aktiv.10 Sie deckt damit genau jene Bereiche ab, die in der VR China am dringensten benötigt werden. Im Vergleich zu ihren stärksten Konkurrenten aus den USA und Japan sind deutsche Anbieter jedoch noch häufig zu teuer. Um im Wettbewerb bestehen zu können, ist Flexibilität und die Bereitschaft zur pragmatischen Anpassung der qualitativ hochwertigen Technologien an die chinesischen Verhältnisse geboten. Die VR China ist nicht in erster Linie ein Markt für State-of-the-art-Umwelttechnologien. Es ist vielversprechender mit additiven Umwelttechniken aufzutreten, als kostspielige integrierte Umweltschutzsysteme vertreiben zu wollen, die auf einen kompletten Austausch der bestehenden Produktionsanlagen hinauslaufen.
Christian Schmidkonz
Markus Taube
1 D. Betke, Die Umweltfrage, in: E. Louven (Hrsg.), Chinas Wirtschaft zu Beginn der 90er Jahre, Hamburg 1989.
2 Einige Städte weisen einen so hohen Grad der Luftverschmutzung auf, daß sie auf Satellitenphotos nicht mehr zu erkennen sind. (Wall Street Journal, 25.7.1994).
3 Ph-Werte von 7 gelten als neutral; je niedriger der Wert, desto saurer der Regen.
4 Eine sehr ausführliche Darstellung des Umweltmanagements sowie die Beschreibung von Fallstudien ist in: B.J. Sinkule, L. Ortolano, Implementing Environmental Policy in China, Westport (CT) 1995, zu finden.
5 OECD Observer, No. 192, Feb./Mar. 1995.
6 China Daily, 18.4.1994.
7 Hierbei müssen Unternehmen finanzielle Beiträge zu staatlich verordneten Baumpflanzungen leisten.
8 The China Business Review, Jul.-Aug. 1990.
9 A. Gälli, J. Franzen (Hrsg.), Die Familie des großen Drachen, München-Köln-London 1995.
10 J. Wackerbauer, Struktur und Wettbewerbssituation der Anbieter von Umwelttechnik und umweltfreundlicher Technik, in: ifo Schnelldienst 21/1995, S. 10.
(aus ifo Schnelldienst 33/1996)