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Investitionsschwäche in Deutschland?
Die Investitionstätigkeit der deutschen Wirtschaft war bis in die jüngste Zeit hinein verhalten. Der Sachverständigenrat spricht von einer enttäuschenden Entwicklung.1 Im folgenden wird vier Fragen nachgegangen:
Die Untersuchungen stützen sich auf Erhebungsergebnisse des ifo Instituts und ökonometrische Analysen.
Zur aktuellen Investitionsentwicklung
Wird die Entwicklung der Ausrüstungsinvestitionen seit dem Tiefpunkt im Jahr 1994 mit zurückliegenden Aufschwungsphasen der Investitionstätigkeit verglichen, so zeigt sich, daß der bisherige Verlauf nicht aus dem Erfahrungsspektrum fällt (Abb. 1). Als Jahr des Tiefpunktes wurde das Jahr identifiziert, in dem die Ausrüstungsinvestitionen vor einer Aufschwungsphase letztmalig rückläufig waren. Die aktuelle Investitionsentwicklung in Westdeutschland wurde ab 1995 geschätzt.2 In die Schätzung 1996 wurden die vorliegenden Befragungsergebnisse sowie die aktuellen Eckdaten aus der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung eingearbeitet. 1997 stellt eine Prognose dar.
Die aktuelle Entwicklung ähnelt der Erholung in den achtziger Jahren. Damals kamen die Investitionen der Unternehmen (und damit die Ausrüstungsinvestitionen) erst ab 1985 richtig in Schwung. Wichtige Impulsgeber waren Steuerreformen, der Kaufkraftschub im Gefolge des Einbruchs der Öl- und Energiepreise und die sich abzeichnende Einführung des europäischen Binnenmarktes. Letztere hat Investitionen in die Erhaltung bzw. Verbesserung der Wettbewerbsposition stimuliert.
Die aktuelle Investitionsentwicklung bleibt allenfalls leicht hinter dem damaligen Verlauf in den ersten Jahren zurück. Die gesamtdeutschen Investitionen erholen sich langsamer als die Investitionen in Westdeutschland allein. Dies hängt mit dem Rückgang der Investitionen in Ostdeutschland zusammen, der nach der Privatisierungs- und Modernisierungswelle im Gefolge der Vereinigung zwangsläufig eintreten mußte.3
Geht ein Auslandsengagement zu Lasten der Investitionen am Standort Deutschland?
Der Trend zur Globalisierung, der in den letzten Jahren ins Zentrum der wirtschaftspolitischen Diskussion gerückt ist, existiert seit langem. Auch die deutsche Wirtschaft verstärkt ihr Auslandsengagement bereits seit den siebziger Jahren.4 Eine Vielzahl von Untersuchungen5 belegt, daß
- die deutscher Unternehmen im Ausland mehr Investitionsdynamik entfalten als im Inland,
- die Investitionsaktivitäten ausländischer Unternehmen in Deutschland in den neunziger Jahren spürbar nachgelassen haben,
- die Zahl der Beschäftigten in ausländischen Produktions- und Vertriebsstätten sich positiver entwickelt als im Inland,
- Marktaspekte im Vordergrund des Auslandsengagements stehen, aber Produktionslinien auch aus Kostengesichtspunkten ins Ausland verlagert werden.
Die Globalisierung der Produktion vollzieht sich im Bereich der Finanzdienste, der Informations-, Kommunikations- und Beratungsdienste sowie in den High-Tech-Bereichen der Industrie. Die Vernetzung der Produktion über nationale Grenzen hinweg wird in erster Linie von großen Unternehmen getragen, die auf weltweit oligopolisierten Märkten operieren.6 In jüngerer Zeit engagieren sich jedoch auch mittelständische Unternehmen zunehmend im Ausland.
Bisher gibt es noch kaum Untersuchungen, wie sich das Auslandsengagement auf die Investitionstätigkeit der Unternehmen am deutschen Standort auswirkt. Die Frage ist insbesondere, ob das Auslandsengagement zu Lasten der Investitionsaktivitäten im Inland geht. Gründe hierfür könnten z.B. in der Verlagerung von Produktionslinien ins Ausland, in der Knappheit der zur Verfügung stehenden Finanzmittel oder in der besseren Informationsbasis für Allokationsentscheidungen in globalisierten Unternehmen liegen.
Basis der Untersuchung
Um dieser Frage nachzugehen, wurde die Investitionstätigkeit von in Westdeutschland ansässigen Unternehmen mit und ohne Produktionsstätten im Ausland verglichen. Hierzu wurden aus dem Berichtskreis des ifo Investitionstests zunächst die Unternehmen zusammengestellt, die seit 1990 in jedem Jahr Angaben zu ihrer Investitionstätigkeit geliefert haben. Anhand der Angaben zu einer Sonderfrage aus dem Jahr 1995 lassen sich diese Unternehmen danach unterscheiden, ob sie Produktionsstätten im Ausland haben oder allein in Deutschland produzieren.7 In der Tabelle sind einige Merkmale des Panels zusammengestellt.
Das Panel kann als repräsentativ für das Investitionsgeschehen im westdeutschen verarbeitenden Gewerbe gelten. Dies zeigt eine Hochschätzung über die Größenklassen, die eine Investitionsentwicklung ergibt, die nahezu exakt mit den Ergebnissen der amtlichen Totalerhebung für Unternehmen mit 20 und mehr Beschäftigen übereinstimmt, die bisher bis 1994, als Vorabbericht auch für 1995, vorliegen (Abb. 2).
Untersuchungsergebnisse
Da das Investitionsverhalten der Unternehmen wegen unterschiedlicher Finanzierungsmöglichkeiten auch von der Unternehmensgröße und wegen des Einflusses der Marktentwicklung auch von der Branchenzugehörigkeit abhängen kann, wird der Vergleich nach Größenklassen und nach Branchen getrennt durchgeführt. Ob die Unternehmen mit Produktionsstätten im Ausland in Westdeutschland stärker oder schwächer investiert haben als die Unternehmen ohne ausländische Produktionsstätten zeigt sich an der Entwicklung des Anteils ihrer westdeutschen Investitionen an den Investitionen aller Unternehmen (mit und ohne ausländische Produktionsstätten).
Wie Abbildung 3 zeigt, entwickelten sich die Anlageinvestitionen der in Deutschland ansässigen Industrieunternehmen mit Produktionsstätten im Ausland seit 1990 ähnlich wie die der Unternehmen ohne Auslandsengagement in der Produktion. In keiner der dargestellten Größenklassen dominieren Unternehmen mit Produktionsstätten im Ausland das Investitionsgeschehen vollständig. Sie haben jedoch auch im mittelständischen Bereich bereits eine nenneswerte Bedeutung für die Investitionen am Standort Deutschland. Gemäß der Untergliederung nach Wirtschaftszweigen haben die Unternehmen mit ausländischen Produktionsstätten im Fahrzeugbau, in der Elektrotechnik, im Stahl- und Maschinenbau und in der Chemie besonders großes Gewicht für die Investitionstätigkeit am Standort Deutschland. Diese Branchen führen auch die Liste der Zweige der deutschen Industrie mit den höchsten Direktinvestitionen im Ausland an. In diesen Zweigen ist damit der Trend zur Globalisierung am weitesten fortgeschritten.
Im Beobachtungszeitraum schwanken die Anteile der Unternehmen mit Produktionsstätten im Ausland an den Gesamtinvestitionen von Jahr zu Jahr nicht erheblich. Ein signifikant rückläufiger Trend ist in keiner Größenklasse und unter den Industriezweigen nur im Nahrungs- und Genußmittelgewerbe und im Bereich Steine, Erden, Glas, Feinkeramik zu beobachten. Dem steht eine ansteigende Tendenz im Fahrzeugbau und in der Elektrotechnik gegenüber. Im Durchschnitt des verarbeitenden Gewerbes entfielen im Durchschnitt der neunziger Jahre hochgerechnet 42% der Anlageinvestitionen auf Unternehmen mit Prouktionsstätten im Ausland. Am Ende der Beobachtungsperiode liegen die Anteile sogar etwas höher als am Anfang. Die Unternehmen mit Produktionsstätten im Ausland haben mithin in ihre westdeutschen Produktionsstätten eher vergleichsweise mehr investiert als die übrigen Unternehmen.
Aus dem Untersuchungsbefund ist für die Industrie abzuleiten, daß der anhaltende Trend zur Globalisierung in den neunziger Jahren nicht zu einer erkennbaren Vernachlässigung des Standorts Deutschland geführt hat. Die Industrieunternehmen mit Produktionsstätten im Ausland haben sich nicht anders verhalten als die Unternehmen, die nur in Deutschland produzieren. Die Ursache der bis zuletzt schwachen Investitionstätigkeit scheint also nicht im Trend zur Globalisierung zu liegen. Nicht auszuschließen ist allerdings, daß hiermit verbundene Veränderungen in den Wettbewerbsbedingungen zu generellen Veränderungen im Investitionsverhalten der Unternehmen geführt haben.
Hat sich das Investitionsverhalten der Unternehmen verändert?
Nach diesem Befund bleibt zu fragen, ob die verhaltene Investitionstätigkeit aller Unternehmen in Deutschland auf ungünstige Investitionsbedingungen zurückzuführen ist oder ob sich das Investitionsverhalten der ansässigen Unternehmen generell verändert hat. Von letzterem könnte ausgegangen werden, wenn früher bestehende Zusammenhänge zwischen Einflußfaktoren und den Investitionsaktivitäten der Unternehmen nicht mehr gelten würden oder sich deutlich verändert hätten, mithin Strukturbrüche in der Investitionsfunktion der Unternehmen aufgetreten wären.
Verwendete Investitionsfunktion
Zur Beantwortung der Frage wird auf einen Ansatz zurückgegriffen, der auf der neoklassischen Investitionstheorie basiert und in der Vergangenheit die Investitionstätigkeit der Unternehmen in Westdeutschland gut abbilden konnte. Der Ansatz führt die Veränderung des Kapitalstocks (Nettoinvestitionen) im Unternehmenssektor (ohne Wohnungsvermietung, ohne Infrastrukturbereiche) im jeweiligen Jahr auf die Entwicklung des Bruttoinlandsprodukt im laufenden Jahr und in den Vorjahren, die Realzinsentwicklung in den Vorjahren und auf staatliche Maßnahmen zu Beeinflussung der unternehmerischen Investitionstätigkeit zurück (im einzelnen siehe Kasten mit methodischen Erläuterungen).
Wie die Schätzwerte zeigen, kann der Ansatz die kräftigen Schwankungen der Veränderungsrate des Kapitalstocks der Unternehmen (Zielgröße) im Zeitraum 1962 bis 1989 nachvollziehen (Abb. 4). Werden die für diesen Zeitraum ermittelten Parameter genutzt, um aus den tatsächlichen Veränderungen des Bruttoinlandsprodukts und aus der eingetretenen Zins- und Preisentwicklung die Veränderungen des Kapitalstocks zu schätzen (Ex-post-Prognose), so zeigt sich, daß mit dem Ansatz auch die bisherige Entwicklung des westdeutschen Kapitalstocks der Unternehmen in den neunziger Jahren beschrieben werden kann. Allenfalls ab 1994 liegen die Ex-post-Prognosewerte leicht über den Meßwerten. Die Unterschiede sind allerdings nicht signifikant.
Konstellation der Einflußfaktoren
Dieser Befund legt den Schluß nahe, daß die aktuelle Investitionsschwäche im wesentlichen ungünstige Investitionsbedingungen widerspiegelt. Auch in der Vergangenheit ist bei vergleichbarer Konstellation der Einflußfaktoren auf der Absatz- und Finanzierungseite kein kräftigeres Wachstum des Kapitalstocks zustande gekommen. Wie Abbildung 5 zeigt, gehen von der Nachfrageseite her in der aktuellen Erholungsphase sogar kräftigere Impulse aus als in der ersten Phase der Erholung in den achtziger Jahren. Dies stimmt mit dem Befund überein, daß derzeit die Unternehmen unter dem Einfluß der regen Nachfrage aus dem Ausland einen höheren Auslastungsgrad der Produktionskapazitäten zu verzeichnen haben als damals. 1982/83 wurde die Investitionstätigkeit allerdings zusätzlich durch eine befristete Investitionszulage belebt. Ähnlich wie damals hat bis zuletzt die Entwicklung der Realzinsen das Wachstum des Kapitalstocks gebremst. Zwar ist der langfristige Zins - gemessen an der Umlaufrendite für festverzinsliche Wertpapiere in Deutschland - von über 8% in den Jahren 1990 bis 1992 auf 5,6% im Jahresdurchschnitt 1996 gesunken. Da der Preisauftrieb bei Investitionsgütern nahezu zum Stillstand gekommen ist, haben sich nach dem Schätzansatz auch die mittelfristigen Preiserwartungen der Investoren zurückgebildet. Vom Realzins gingen deshalb bis 1996 noch keine positiven Effekte auf das Wachstum des Kapitalstocks aus .
Diese Befunde unterstreichen, daß die derzeitige Investitionsentwicklung große Ähnlichkeit mit der Erholungsphase nach 1982 hat. Auch damals bremsten die kurzfristig nachfragedämpfenden Effekte einer Politik der Konsolidierung der Staatshaushalte sowie eine rezessive Baukonjunktur die Erholung der Unternehmensinvestitionen von der Absatzseite her. Auch damals resultierte die Investitionsschwäche aus hohen Realzinsen.
Chancen für eine Investitionsbelebung
Für die nächsten Jahre zeichnet sich aus der Konstellation der Einflußfaktoren ein beschleunigtes Wachstum der Unternehmensinvestitionen ab. Die kräftige Exportsteigerung verspricht trotz retardierender Momente, die von den öffentlichen Haushalten ausgehen, ein beschleunigtes Wachstum des Bruttoinlandsprodukts in Westdeutschland in Höhe von 2 bis 3% in den Jahren 1997 und 1998. Schwieriger ist die Zinsentwicklung im laufenden Jahr einzuschätzen. Einerseits spricht die nachhaltige Beruhigung des Preis- und Kostenauftriebs und die schwache Baunachfrage für einen weiteren Rückgang des deutschen Langfrist-Zinsniveaus. Die Kostenentwicklung gibt keinen Anlaß für einen restriktiveren Kurs der Geldpolitik.8 Andererseits ist nicht auszuschließen, daß sich infolge eines Kurswechsels der amerikanischen Geldpolitik und/oder Unsicherheiten im Zusammenhang mit der Einführung des Euro eine Tendenz zum Zinsanstieg durchsetzt. Wird unterstellt, daß die Umlaufrendite für festverzinsliche Wertpapiere 1997 bei 5,5% liegt, so errechnet sich aus der Schätzfunktion, daß der Kapitalstock der Unternehmen (ohne Wohnungsvermietung, ohne Infrastrukturbereiche) 1997 und 1998 beschleunigt zunehmen wird. Hieraus läßt sich berechnen, daß höhere Nettoinvestitionen zu erwarten sind (Abb. 6). Wird das bisher zu beobachtende Muster der Ersatzinvestitionen9 fortgeschrieben und die Ersatzinvestitionen zu den Nettoinvestitionen addiert, so ergibt sich daraus auch ein Anstieg der Anlageinvestitionen des Unternehmenssektors im engeren Sinn in Westdeutschland (Abb. 6). Für 1997 errechnet sich ein Anstieg von 4 bis 5%, für 1998 ein Anstieg von 7 bis 8%. Das Ergebnis des ökonometrischen Schätzansatzes ist damit deutlich höher als die Investitionsplanung der Industrieunternehmen.10 Der Ansatz impliziert also, daß die Investitionspläne für 1998 deutlich nach oben revidiert werden.
Soweit die Ergebnisse, die sich aus dieser Funktion zur Bestimmung des Kapitalstockwachstums ableiten lassen. Andere Investitionstheorien oder abweichende Spezifikationen der neoklassischen Investitionstheorie führen eventuell zu anderen Ergebnissen. Ein Problem des vorliegenden Ansatzes ist, daß das konstante Glied der Schätzfunktion signifikant positiv ist. Dies bedeutet, daß der Kapitalstock im marktbestimmten Unternehmensektor auch bei unveränderter Nachfrage und einer Realverzinsung von 3,5% (Durchschnitt der letzten 25 Jahre) noch jährlich um 1 bis 1,5% wachsen würde. Hinter diesem hohen Wert für ein Wachstum des Kapitalstocks, das weder absatz- noch zinsinduziert ist, könnte sich der Einfluß weiterer Determinanten für die Höhe des Kapitalbedarfs verbergen.11 In Frage käme die Kapitalintensivierung der Produktion im Gefolge der Substitution von Arbeit durch Kapital, welche durch die relative Verteuerung des Faktors Arbeit ausgelöst worden ist. Das autonome Wachstum des Kapitalstocks kann auch als Ergebnis von Nettoinvestitionen zur Einführung neuer Produkte und/oder neuer Produktions- sowie Organisationsverfahren interpretiert werden, die unabhängig von der Absatzentwicklung auf den existierenden Märkten oder der Zinsentwicklung durchgeführt werden. Insoweit besteht noch weiterer Forschungsbedarf. Da Investitionen mit innovativem Charakter in jedem Fall von Interesse sind, wird zum Abschluß der Frage nachgegangen, welche Impulse von den Innovationsaktivitäten der Unternehmen ausgehen.
Tendenzen bei innovativen Investitionen
Wird von den gängigen Frühindikatoren für den Umfang von Neuerungsaktivitäten ausgegangen, so besteht wenig Hoffnung auf kräftige Investitionsimpulse. Die Ausgaben für Forschung und Entwicklung sind in jüngster Zeit teilweise gedrosselt worden. Bei den Erfindungen, die es wert waren, in mehr als einem Land angemeldet zu werden, hat die deutsche Wirtschaft weiter an Boden verloren.12 Diese Indikatoren messen die Innovationsaktivitäten allerdings in einem Stadium, das weit vor der Markteinführung und der Anwendung der Neuerung auf breiter Front liegt. Wird die Häufigkeit von Investitionen mit innovativer Zielsetzung zum Maßstab genommen, so zeigt sich in der deutschen Industrie ebenfalls keine positive Tendenz.13 Die Zahl der Unternehmen, die zur Einführung neuer Produkte ihre Kapazitäten erweitern, ist noch deutlich niedriger als Ende der achtziger Jahre. Die Häufigkeit, mit der in neue Fertigungs- und Produktionsverfahren investiert wird, stagniert seit Mitte der achtziger Jahre, allerdings auf hohem Niveau.
Für Investitionen in neue Märkte, neue Dienste und neue Verfahren kämen auch die »modernen« Dienste in Frage. Hierzu zählen die Finanzdienste, die Telekommunikationsdienste sowie die sonstigen Dienste. Letztere umfassen u.a. die Software- und Beratungsdienste, die Medien sowie die privaten Bildungs- und Gesundheitsdienste. Alle genannten Bereiche gelten als Wegbereiter für den Übergang in die Informationsgesellschaft, verfügen mithin über ein großes Innovationspotential. Von ihren Innovationsaktivitäten könnten erhebliche Investitionsimpulse ausgehen.
Wie Abbildung 7 zeigt, ist jedoch in Westdeutschland der Investitionstrend in keinem der genannten Bereiche in jüngster Zeit steil nach oben gerichtet. Selbst bei den Telekommunikationsdiensten deutet sich trotz der Privatisierung der Telekom und der Deregulierung des Markzutritts noch kein neuer Investitionsboom an. In den »modernen« Diensten bleiben also die Themen »Deregulierung«, »Marktöffnung«, »Risikobereitschaft« und »Verfügbarkeit von Risikokapital« auf der Tagesordnung.
Mittelfristige Pläne der Industrie
Wenn die aktuellen Tendenzen der Innovationsaktivitäten wenig Hoffnung auf kräftigere Impulse für die Investitionstätigkeit geben, bleibt zu prüfen, ob die mittelfristigen Planungen und Erwartungen der Industrie günstigere Perspektiven eröffnen. Informationen hierzu liegen aus der ifo Umfrage Prognose 100 vor.14 Prognose 100 kann als repräsentativ für die Großunternehmen der Industrie angesehen werden. Der Vergleich der aktuellen Konstellation für die mittelfristigen Absatzerwartungen und Investitionsplanungen mit den in der Vergangenheit gemessenen Konstellationen zeigt, daß auch bei den großen Industrieunternehmen ein Zusammenhang zwischen den mittelfristigen Absatzerwartungen und den - gemessen an der geplanten Investitionsquote für die nächsten fünf Jahre - mittelfristigen Investitionsanstrengungen besteht (Abb. 8).
Bemerkenswert ist, wie stark die mittelfristigen Produktionserwartungen durch die Absatzerwartungen für den Inlandsmarkt bestimmt sind. Offenbar orientieren sich die Unternehmen bei der Bemessung des Erweiterungsbedarfs der Produktion in Deutschland im wesentlichen am Bedarf des heimischen Marktes. Aktuell bewerten die großen Industrieunternehmen die mittelfristigen Absatzperspektiven zwar besser als in der Rezession 1992/93, aber immer noch ungünstiger als in der zweiten Hälfte der achtziger Jahre.
Die Schere zwischen der Höhe der geplanten Investitionsquote und den Absatzerwartungen, die sich in dieser Phase geöffnet hat (Abb. 8), unterstreicht nochmals die Bedeutung von Investitionsanlässen, die nicht mit den Absatzperspektiven zusammenhängen. Aus Sonderumfragen ist bekannt, daß die zusätzlichen Investitionsanstrengungen im Zeitraum 1987 bis 1989 mit Blick auf die Verwirklichung des europäischen Binnenmarktes unternommen worden sind. Später wurde zur Nutzung der Chancen aus der deutschen Vereinigung mehr investiert als von den mittelfristigen Absatzerwartungen her notwendig gewesen wäre.15 Inzwischen sind diese Impulse abgeklungen, die geplante Relation von Investitionen zu Umsatz in den nächsten fünf Jahren hat sich im Durchschnitt der großen Industrieunternehmen an die gedämpften Absatzerwartungen weitgehend angepaßt.
Diese Konstellation legt den Schluß nahe, daß es derzeit an Veränderungen in den politökonomischen Rahmenbedingungen fehlt, welche die Phantasie der Investoren anregen. Die Wirkung der Einführung der europäischen Währung auf die Wettbewerbssituation scheint nicht als so bedeutsam eingestuft zu werden wie die Verwirklichung des europäischen Binnenmarktes. Die anstehende Osterweiterung der EU gilt eher als Chance zur Nutzung des Lohngefälles über die Verlagerung von Teilen der Wertschöpfungskette in diese Länder. Die Absatzpotentiale für Investitionsgüter und dauerhafte Konsumgüter aus deutscher Produktion stehen (noch) im Hintergrund. Eine europäische Umweltoffensive, die im Verein mit einer Neuordnung der Belastung der Produktionsfaktoren mit staatlichen Abgaben Impulse für die Investitionstätigkeit liefern könnte, ist auf europäischer Ebene trotz weitgehender Einigkeit steckengeblieben. Von der anstehenden deutschen Steuerreform sind keine durchgreifenden Investitionsimpulse zu erwarten.16
Das Potential für Investitionen, das nach wie vor im sich anbahnenden Übergang zur Informationsgesellschaft besteht, wurde bereits angesprochen. Die Beschleunigung der Diffusion neuer Informations- und Kommunikationstechniken und neuer computergestützter Arbeits- und Organisationsformen würde erfordern, daß die Unternehmen ihre Energien auf diese Aufgaben konzentrieren. Ihre Anstrengungen sind derzeit aber mehr auf Senkung der Arbeitskosten über eine Flexibilisierung der Arbeitsbedingungen und der tariflichen Regelungen sowie auf die Nutzung des internationalen Lohngefälles gerichtet.
Zusammenfassung und Folgerungen
Die Investitionstätigkeit der deutschen Wirtschaft war bis in die jüngste Zeit hinein verhalten. Ein Vergleich mit zurückliegenden Aufschwungsphasen zeigt, daß ein geringes Investitionswachstum in den ersten Jahren der Erholung keine Ausnahmeerscheinung ist. Die aktuelle Entwicklung ähnelt dem Aufschwung in den achtziger Jahren. Auch in den Jahren 1983 bis 1985 bremsten die kurzfristig nachfragedämpfenden Effekte einer Politik der Konsolidierung der Staatshaushalte sowie eine rezessive Baukonjunktur die Erholung der Unternehmensinvestitionen von der Absatzseite her. Auch damals dämpften hohe Realzinsen das Investitionswachstum.
Die gesamtdeutschen Investitionen erholen sich langsamer als die Investitionen in Westdeutschland allein. Dies hängt mit dem Rückgang der Investitionen in Ostdeutschland zusammen, der nach der Privatisierungs- und Modernisierungswelle im Gefolge der Vereinigung zwangsläufig eintreten mußte.
Eine vergleichende Analyse der Investitionstätigkeit in den neunziger Jahren von in Westdeutschland ansässigen Unternehmen mit und ohne Produktionsstätten im Ausland zeigt, daß der Trend zur Globalisierung der Produktion nicht für die verhaltene Investitionsentwicklung am Standort Deutschland verantwortlich gemacht werden kann. Die Industrieunternehmen mit Produktionsstätten im Ausland haben in ihre westdeutschen Standorte seit 1990 in ähnlichem Umfang investiert wie die Unternehmen ohne Auslandsengagement.
Im Durchschnitt aller Unternehmen hat sich das Investitionsverhalten in den neunziger Jahren nicht signifikant verändert. Mit einem Ansatz, der auf der neoklassischen Investitionstheorie basiert, kann auch die Entwicklung des Kapitalstocks in den neunziger Jahren abgebildet werden. Der bisher verhaltene Investitionsaufschwung spiegelt im wesentlichen ungünstige Investitionsbedingungen wider. Auch in der Vergangenheit ist bei einer vergleichbaren Konstellation der Einflußfaktoren auf der Absatz- und Finanzierungsseite der Kapitalstock nicht kräftig gewachsen.
Die lebhafte Exportkonjunktur sowie niedrigere Realzinsen lassen für 1997/98 eine Beschleunigung des Wachstums des westdeutschen Kapitalstocks der Unternehmen auf 2,5% erwarten. Die Investitionen dürften im marktbestimmten Unternehmenssektor 1998 ansehnlich, nämlich um real 7 bis 8%, wachsen. Weder die aktuellen Tendenzen der Investitionen in neue Produkte und neue Produktions- und Organisationsverfahren noch die mittelfristigen Planungen der großen Industrieunternehmen geben Anlaß zur Hoffnung auf vermehrte Investitionsimpulse aus Neuerungsaktivitäten. Im Gegensatz zur zweiten Hälfte der achtziger Jahre und dem Anfang der neunziger Jahre, als das Programm zur Verwirklichung des europäischen Binnenmarktes und später die deutsche Vereinigung zu autonomen Investitionen inspirierten, fehlt es derzeit an Veränderungen in den politökonomischen Rahmenbedingungen, welche die Phantasie der Investoren positiv anregen.
Angesichts des sich abzeichnenden beschleunigten Wachstums der Unternehmensinvestitionen muß sich die Wirtschaftspolitik im Interesse von mehr Beschäftigung zum einen darauf konzentrieren, daß der Investitionsaufschwung über 1998 hinaus anhält. Eine lange Phase niedriger Zinsen und die Aussicht auf die nachfragestimulierde Wirkung einer Nettoentlastung durch die angekündigte Steuerreform wären hilfreich. Eine geradlinige Gestaltung des Übergangs zum Euro könnte das Investitionsklima verbessern.
Wichtig bleibt, daß die Wirtschafts- und Tarifpolitik zum anderen
die Rahmenbedingungen für Innovationen (weiter) verbessern. Damit
ist ein weites Feld angesprochen, das von der notwendigen Deregulierung
auf Dienstleistungs- und Arbeitsmärkten, der Bereitstellung von mehr
Risikokapital (auch zur Finanzierung des Wachstums junger Unternehmen),
mehr Anreizen zur Selbständigkeit bis zur Entwicklung von Zukunftsvisionen
mit Aussicht auf breitere gesellschaftliche Akzeptanz reicht. Es bestehen
noch Unklarheiten darüber, wie wirksame Strategien zur Verbesserung
der Rahmenbedingungen unter Beachtung von Nebenwirkungen und des verschärften
Standortwettbewerbs aussehen könnten. Hier wie bei der Durchdringung
des Investitionsverhaltens existiert noch erheblicher Forschungsbedarf.
Wolfgang Gerstenberger
1 Jahresgutachten 1996/97, Ziffer 60.
2 Vgl. W. Gerstenberger, Statistische Mitteilung: Ausrüstungsinvestitionen Ost-West, in: ifo-Schnelldienst 32/1996, S. 36.
3 Im einzelnen vgl. W.Gerstenberger, F. Neumann, Der Um- und Neubau der ostdeutschen Wirtschaft im Spiegel der Investitionstätigkeit, in: ifo Schnelldienst 13/1996, S. 8-21.
4 K.H. Oppenländer, W. Gerstenberger, Direktinvestitionen als Ausdruck zunehmender Internationalisierung der Märkte, in: ifo Schnelldienst 10/1992, S. 3-11.
5 Vgl. z.B. G. Derks, A.J. Halbach, Direktinvestitionen weltweit auf Rekordhöhe: Sind Arbeitsplätze in Deutschland bedroht?, in: ifo Schnelldienst 30/1996, S. 24-31; H.H. Härtel, R. Jungnickel, Grenzüberschreitende Produktion und Strukturwandel - Globalisierung der deutschen Wirtschaft, Baden-Baden 1996; R. Köddermann, M. Wilhelm: Umfang und Bestimmungsgründe einfließender und ausfließender Direktinvestitionen, Entwicklungen und Perspektiven, ifo Studien zur Strukturforschung, Band 24, München 1996; ZVEI, Globalisierung der deutschen Elektroindustrie - Beschäftigungseffekte im In- und Ausland, Frankfurt/Main 1996.
6 Vgl. H.C. Sherman, Globalisierung: Transnationale Unternehmen auf dem Vormarsch, in: ifo Schnelldienst 23/1996, S. 3-13.
7 Für die Zusammenstellung der Datenbasis aus den verschiedenen Jahreserhebungen danke ich Sylvia Richter.
8 Vgl. hierzu: Die Lage der Weltwirtschaft und der deutschen Wirtschaft im Frühjahr 1997, in: Wirtschaftskonjunktur 4/1997, S. A28.
9 Die Ersatzinvestitionen errechnen sich aus den Investitionsvolumina in früheren Jahren und Annahmen für die (ökonomische) Lebensdauer und die Gestalt der Abgangsfunktion. Ergebnis ist eine stetig sich entwickelnde Größe, deren Trend fortgeschrieben werden kann.
10 Vgl. P. Jäckel, Westdeutsche Industrie: Mittelfristige Planungen weiterhin eher verhalten, in diesem Heft.
11 Der Wert des Durbin-Watson-Test (vgl. methodische Erläuterungen) deutet zwar nicht zwingend auf die Wirkung weiterer Einflußgrößen hin, schließt diese Möglichkeit aber auch nicht aus.
12 Vgl. K. Faust, Internationale Patentanmeldungen: Globale Positionen und strukturelle Anpassungsreaktionen, in: ifo Schnelldienst 11/1997, S. 7-14.
13 Im einzelnen vgl. A. Weichselberger, Westdeutsche Industrie: Investitionsbereitschaft hält 1996 an, in: ifo Schnelldienst 19/1996, S. 3-9.
14 Vgl. P. Jäckel, Westdeutsche Industrie ... a.a.O.
15 Interessant ist, daß die mittelfristigen Absatzperspektiven der Unternehmen durch die Vereinigung nicht oder zumindest nicht nachhaltig aufgehellt worden sind. Offenbar haben die Unternehmen die Vereinigung sofort als Schock ohne dauerhaften Einfluß auf die Absatzentwicklung eingestuft.
16 Im einzelnen vgl. Die Lage der Weltwirtschaft... a.a.O. S. A28.
(aus ifo Schnelldienst 16/1997)