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Ostdeutschland:
Verbraucherpreisanstieg statistisch überzeichnet
Im Osten steigen die gesamten Lebenshaltungskosten tendenziell immer noch stärker als im Westen, obwohl sich die Preisbewegungen in beiden Teilen Deutschlands bereits weitgehend angeglichen haben. Ist das Basisjahr 1991, auf dem die deutsche Verbraucherpreisstatistik basiert, bereits obsolet?
Seit 1991 sind die Lebenshaltungskosten in Ostdeutschland deutlich stärker gestiegen als in Westdeutschland. Maßgeblich hierfür war die spürbare Anhebung von staatlich administrierten Preisen, um sie an ein kostendeckendes Niveau heranzuführen.1 Nun aber hat sich die Preisentwicklung in diesem speziellen Waren- und Dienstleistungssegment in beiden Teilregionen Deutschlands angeglichen; auch die übrigen Verbraucherpreise verändern sich grosso modo im gleichen Ausmaß: So stiegen im August 1997 die administrierten Preise im Osten gegenüber dem Vorjahr um 4,5% und im Westen um 4,3%; die nicht administrierten Preise erhöhten sich in Ostdeutschland mit 1,3% sogar weniger stark als in den alten Bundesländern (+ 1,5%). Trotz der vergleichsweise nahe beieinander liegenden regionalen Teilergebnisse für beide Warengruppen war aber die gesamte monatliche Teuerungsrate in Ostdeutschland mit 2,4% merklich höher als in Westdeutschland (+ 2,0%).
Maßgeblich für die höhere August-Preissteigerungsrate in Ostdeutschland ist, daß hier der Teilindex für administrierte Preise mit 1,4 Prozentpunkten doppelt soviel zur Veränderung des Gesamtindex beitrug wie im Westen (nichtadministrierte Preise im Osten: 0,9 Prozentpunkte; im Westen: 1,3 Prozentpunkte).2 Der größere Erklärungsbeitrag resultiert nicht etwa aus einem höheren Wägungsanteil von Gütern mit administrierten Preisen. Dieser war im Basisjahr 1991 in Ostdeutschland mit 16,0% sogar etwas niedriger als in Westdeutschland (16,3%). Vielmehr ist er auf die Tatsache zurückzuführen, daß sich in den neuen Bundesländern in den ersten Jahren nach der Wende Güter, deren Preise in der DDR subventioniert waren (Wohnungsmieten, Energieträger, Verkehrstarife), überproportional stark verteuerten. Das Niveau des Preisindex für Güter mit administrierten Preisen ist daher inzwischen im Vergleich zum Gesamtindex deutlich höher als im Westen. So war bereits im letzten Jahr der Index für administrierte Preise in Ostdeutschland mit 272,2 mehr als doppelt so hoch wie in Westdeutschland (117,5), während die Gesamtindizes für West- und Ostdeutschland mit 114,1 bzw. 135,6 im Jahresergebnis 1996 nur um 21,5 Punkte auseinanderlagen.
Der Grund für das höhere Niveau des Index für administrierte Preise in den neuen Bundesländern liegt also darin, daß hier im Basisjahr 1991 die administrierten Preise noch deutlich unter den westdeutschen Vergleichswerten lagen; erst jetzt sind sie - bis auf die Wohnungsmieten - etwa gleich. Die in den vergangenen Jahren aufgelaufenen großen Preissteigerungsraten in diesem Gütersegment drücken nun über die Index-Arithmetik3 die aktuellen Inflationsraten für Ostdeutschland tendenziell nach oben. Auf lange Sicht kann dieser Effekt sogar so groß werden, daß er die Entwicklung des Gesamtindex dominiert.4
Die aus der Index-Arithmetik resultierende gestiegene Bedeutung der Güter und Dienstleistungen mit staatlich administrierten Preisen für den Verlauf des ostdeutschen Preisindex wäre unter ökonomischen Gesichtspunkten nur dann gerechtfertigt, wenn der Anteil dieser Gütergruppe an den gesamten Haushaltsausgaben seither tatsächlich in gleichem Umfang zugenommen hätte. Zwar wird in einem aktualisierten ostdeutschen Wägungsschema der auf Güter mit administrierten Preisen entfallende Ausgabenanteil wegen der zwischenzeitlich gestiegenen Preise deutlich größer sein als im Basisjahr 19915; gegenzurechnen ist aber, daß private Haushalte Güter, die im Preis steigen, weniger stark nachfragen oder aber durch billiger gewordene Güter (bzw. durch Güter mit unterdurchschnittlich steigenden Preisen) ersetzen können. In aller Regel ergeben sich deshalb nach der Umstellung auf eine aktuellere Indexbasis geringere Preissteigerungsraten als auf der alten Basis (Laspeyres-Effekt).6
Die vom Statistischen Bundesamt für Ostdeutschland ausgewiesene Preissteigerungsrate ist zur Zeit überzeichnet. Maßgeblich hierfür ist, daß der Preisindex für Güter mit administrierten Preisen im Vergleich zum Gesamtindex bereits ein so hohes Niveau erreicht hat, daß er den Beitrag der aktuellen Preisänderung dieser Gütergruppe zur Gesamtveränderung des Preisindex überhöht. In Westdeutschland, wo sich die administrierten Preise seit 1991 ebenfalls überproportional, aber im Vergleich zu Ostdeutschland langsamer erhöht haben, ist dieser Effekt zwar auch vorhanden; er fällt aber im statistischen Gesamtergebnis nicht ins Gewicht.
Das mit den jeweiligen Ausgabenanteilen gewogene arithmetische Mittel aus den aktuellen Steigerungsraten für administrierte bzw. nicht administrierte Preise lag im August 1997 bei 1,8%, es kann approximativ für die Indexänderung ohne Überzeichnung (auf Preisbasis 1991) herangezogen werden. Da die tatsächliche Preissteigerungsrate für Ostdeutschland im August bei 2,4% lag, könnte sich das Ausmaß der Überzeichnung derzeit auf rund 1/2 Prozentpunkt belaufen, was auf den Lebenshaltungsindex für die gesamte Bundesrepublik immerhin mit 0,1 Prozentpunkten durchschlägt. Daraus kann zwar nicht geschlossen werden, daß bei einer Neuberechnung des Preisindex für Ostdeutschland auf der Basis eines aktuelleren Wägungsschemas »automatisch« niedrigere Raten in der geschätzten Größenordnung ausgewiesen würden. Die Ergebnisse der Neuberechnung hängen wie immer von den damit verbundenen Änderungen im Wägungsschema ab. Gleichwohl würde der Wechsel zu einem aktuelleren Preisbasisjahr die gegenwärtig zu beobachtende Überzeichnung beim ostdeutschen Lebenshaltungskostenindex und damit auch beim gesamtdeutschen Preisindex zumindest reduzieren und die Indexkalkulation wieder auf eine aussagefähigere Basis stellen.
Wolfgang Nierhaus
1 Hierzu gehören Güter und Dienstleistungen mit direkt staatlich festgelegten Preisen sowie Güter und Dienstleistungen mit genehmigungspflichtigen Tarifen. Nicht dazugerechnet werden hier Verbrauchsgüter, die spezifischen Verbrauchsteuern unterliegen.
2 Vgl. W. Nierhaus, Inflation ante portas?, in: ifo Schnelldienst 28/1997, S. 3 ff.
3 Der Beitrag der aktuellen Veränderung wt des Teilindex für administrierte Preise (AP) zur Veränderungsrate des gesamten Preisindex (P) im Zeitpunkt t ergibt sich aus: wt x g x APt-1/Pt-1, wobei g das Indexgewicht der Güter mit administrierten Preise bezeichnet. Je größer APt-1 im Vergleich zu Pt-1 ist, desto größer ist der Einfluß der aktuellen Veränderung der administrierten Preisen wt auf die gesamte Preisänderungsrate.
4 Indizes, die wie der Preisindex für die Lebenshaltung auf einer arithmetischen Mittelung aller Preismeßzahlen beruhen, verlieren an Aussagekraft, wenn die Berechnungen über einen längeren Zeitraum und bei stark abweichender Entwicklung der einzelnen Teilindizes durchgeführt werden. Nehmen unter dieser Voraussetzung alle Teilindizes mit konstanter Rate zu, so ergeben sich nämlich für den Gesamtindex nicht konstante, sondern zunehmende Steigerungsraten, bis »an der Grenze« die Veränderungsrate des Gesamtindex deckungsgleich mit der Rate des am schnellsten steigenden Teilindex ist. Die Veränderung des gesamten Preisindex wird dann vollständig von der Preisentwicklung dieser Gütergruppe dominiert. Dies gilt unabhängig davon, wie klein oder groß das ursprüngliche Gewicht des Teilindex im Wägungsschema war. Dazu ein hypothetisches Zahlenbeispiel: Steigen die administrierten Preise jährlich um 12%, die nicht administrierten Preise um 2%, so beliefe sich die Veränderungsrate des gesamten Preisindex (bei ostdeutschem Wägungsschema) zunächst auf 3,6%, nach fünf Jahren auf 4,3% und nach zehn Jahren sogar auf 5,3%. Nach »unendlich vielen« Jahren wäre die gesamte Preissteigerungsrate deckungsgleich mit der - durch den Teilindex für administrierte Preise markierten - Obergrenze in Höhe von 12%; der Erklärungsbeitrag der administrierten Preise zur Veränderung des Gesamtindex läge also bei 100%. Vgl. dazu auch o.V., Zur Berechnung des gewogenen Außenwerts der D-Mark, in: Monatsbericht der Deutschen Bundesbank 4/1979, S. 22ff. sowie J. Baumberger, A. Keel, Der ökonomische Gehalt von Wechselkursindices: Arithmetische und geometrische Indices, in: Schweizerische Zeitschrift für Volkswirtschaft und Statistik, 121. Jahrgang, 2/1985, S. 169 ff.
5 Würde man das Gewicht der Güter mit administierten Preisen mit dem entsprechenden Teilindex des Jahres 1996 fortschreiben, so läge der Ausgabenanteil für diese Gütergruppe in Ostdeutschland (falls die Gesamtausgaben für den privaten Verbrauch im gleichen Ausmaß wie der Gesamtindex gestiegen wären) nicht mehr bei 16%, sondern bei 32%.
6 Vgl. S. Guckes, Die Messung der Kaufkraft der privaten Verbraucher und die Berechnung von Kaufkraftparitäten im Statistischen Bundesamt, in: G. Fürst (Hrsg.), Messung der Kaufkraft des Geldes, Sonderhefte zum Allgemeinen statistischen Archiv, Heft 10, 1976, S. 35 ff.
(aus ifo Schnelldienst 30/1997)