ifo Konjunkturprognose 11. Dezember 2025

ifo Konjunkturprognose Winter 2025: Der Strukturwandel hat Deutschland fest im Griff

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Deutschland: Strukturwandel bremst Industrie und Produktionspotenzial

Die deutsche Wirtschaft befindet sich in einem tiefgreifenden Strukturwandel, der durch Dekarbonisierung, Digitalisierung, demografische Veränderungen und geopolitische Umbrüche geprägt ist. Im internationalen Vergleich gelingt es ihr nur langsam und kostspielig, sich durch Innovationen und neue Geschäftsmodelle anzupassen. Deutschland spürt den Strukturwandel besonders intensiv, da das vorwiegend betroffene Verarbeitende Gewerbe eine große gesamtwirtschaftliche Bedeutung hat und der demografische Wandel besonders ausgeprägt ist.

Zusätzlich werden Produktionsprozesse im Allgemeinen und Gründungsprozesse im Besonderen hierzulande strukturell durch bürokratische und infrastrukturelle Hürden behindert. Aus gesamtwirtschaftlicher Perspektive schlägt sich der Strukturwandel sowohl in einer Verlangsamung der Potenzialwachstumsrate in den kommenden Jahren als auch in einer Abwärtsrevision des Produktionspotenzials für die vergangenen Jahre nieder. Dadurch haben sich die Erholungsspielräume deutlich reduziert.

Die bisherigen wirtschaftspolitischen Weichenstellungen werden der deutschen Wirtschaft voraussichtlich nur einen kurzfristigen konjunkturellen Schub, aber keine Impulse für ein höheres Produktionspotenzial oder eine Beschleunigung des Potenzialwachstums verleihen. Zusätzlich belasten die Anhebungen der US-Importzölle die deutsche Exportwirtschaft. Schließlich wird angenommen, dass sich der Strukturwandel im Prognosezeitraum fortsetzen wird.

Im laufenden Jahr wird das preisbereinigte Bruttoinlandsprodukt nur um 0,1% zunehmen. In den kommenden beiden Jahren beschleunigt sich der Anstieg auf 0,8 bzw. 1,1%. Gegenüber der ifo Konjunkturprognose vom Herbst 2025 wurden die Wachstumsraten für das laufende Jahr um 0,1 Prozentpunkte und für die kommenden beiden Jahre um jeweils 0,5 Prozentpunkte gesenkt. Zu dieser Revision hat maßgeblich eine Neueinschätzung des Produktionspotenzials beigetragen. 

Grafik, Winterprognose 2025, bip Deutschland

Weltwirtschaft: Zölle belasten den Welthandel

Die Weltwirtschaft steht auch im Winter 2025 im Zeichen der Zollpolitik der USA. Die Konturen des neuen handelspolitischen Regimes werden nach und nach klarer, sodass die Unsicherheit abnimmt. Die Wirkungen der Zölle werden aber auch in den kommenden Monaten spürbar sein und das Wachstum der Weltwirtshaft dämpfen.

Insgesamt dürfte die Weltwirtschaft in den Jahren 2025 bis 2027 um jeweils 2,5% wachsen. Der Welthandel dürfte aufgrund der Vorzieheffekte der Zölle im Jahr 2025 noch kräftig zulegen, bevor er im Jahresdurchschnitt 2026 leicht sinkt. Im Jahr 2027 wird der Welthandel wieder expandieren, wenngleich etwas schwächer als die gesamtwirtschaftliche Produktion der Welt.

In den USA dürfte zumindest ein Teil der höheren Zölle nach und nach auf die Verbraucherpreise überwälzt werden und sich die Preiseffekte entlang der Wertschöpfungsketten fortpflanzen. Der Boom im Bereich der künstlichen Intelligenz wird wohl noch länger anhalten. 

In China dürften die die außen- und binnenwirtschaftlichen Ungleichgewichte im Prognosezeitraum bestehen bleiben. Trotz der Maßnahmen der öffentlichen Hand, Preisrückgänge aufgrund des starken Wettbewerbs in der Industrie zu unterbinden, wird die Immobilienkrise noch länger auf der Volkswirtschaft lasten und den privaten Konsum sowie die Bauinvestitionen dämpfen. 

Im Euroraum wird sich das Wirtschaftswachstum im Prognosezeitraum voraussichtlich nicht weiter beschleunigen. Zwar stützen steigende Realeinkommen den privaten Konsum, und die günstigeren Finanzierungsbedingungen sowie eine sinkende Unsicherheit sollten allmählich die Investitionen beleben. Aber die Zölle der USA, der verstärkte Wettbewerb mit China und der starke Euro dämpfen die Aussichten für die Exportwirtschaft.

„Die deutsche Wirtschaft passt sich dem Strukturwandel durch Innovationen und neue Geschäftsmodelle nur langsam und kostspielig an.“

Prof. Dr. Timo Wollmershäuser, Stellvertretender Leiter des ifo Zentrums für Makroökonomik und Befragungen und Leiter Konjunkturprognosen
Timo Wollmershäuser

Eckdaten der Prognose für Deutschland

  2024 2025 2026 2027
Bruttoinlandsprodukt (Veränderung gegenüber Vorjahr in %) -0,5 0,1 0,8 1,1
Erwerbstätige (1 000 Personen) 45 987 45 976 45 954 46 114
Arbeitslose (1 000 Personen) 2 787 2 948 2 951 2 750
Arbeitslosenquote BA (in %) 6,0  6,3  6,3  5,9 
Verbraucherpreise (Veränderung gegenüber Vorjahr in %)  
Gesamtinflationsrate 2,2   2,2  2,2  2,3 
Kerninflationsrate 2,9  2,6  2,5  2,4 
Finanzierungssaldo des Staates  
in Mrd. EUR -115,3  -101,2  -151,8  -167,9
in % des Bruttoinlandsprodukts -2,7  -2,3  -3,3  -3,5 
Leistungsbilanzsaldo  
in Mrd. EUR 249,7  209,7 199,2 194,8
in % des Bruttoinlandsprodukts 5,8 4,7  4,3 4,1

Quelle: Statistisches Bundesamt; Bundesagentur für Arbeit; Deutsche Bundesbank; 2025 bis 2027: Prognose des ifo Instituts

© ifo Institut Dezember 2025

 

Risiken

Abwärtsrisiken für die Prognose gehen von den zahlreichen geopolitischen Konflikten aus. Eine weitere Prognoseunsicherheit ergibt sich aus der veränderten globalen Produktions- und Nachfragestruktur, insbesondere durch die neue Rolle Chinas innerhalb der Weltwirtschaft. Auch von der Zollpolitik der USA gehen weiterhin Risiken aus.

Die Prognose könnte auch besser ausfallen, wenn die deutsche Bundesregierung potenzialstärkende Reformen umsetzt. Maßnahmen, die das Arbeitsangebot über zusätzliche Anreize zur Ausweitung der Arbeitszeit oder der Teilhabe am Arbeitsmarkt stärken bzw. die Produktivität über eine durchgreifende Digitalisierung und Vereinfachung des Staatswesens steigern, könnten weitere Impulse bringen. Diese würden nicht nur die Konjunktur kurzfristig stimulieren, sondern auch das Produktionspotenzial langfristig heben.

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Wie entwickelt sich die Konjunktur, Herr Wollmershäuser?

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Prof. Dr. Timo Wollmershäuser

ifo Zentrum für Makroökonomik und Befragungen
Stellvertretender Leiter des ifo Zentrums für Makroökonomik und Befragungen und Leiter Konjunkturprognosen
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