ifo Konjunkturprognose 12. März 2026

ifo Konjunkturprognose Frühjahr 2026: Folgen des Iran-Krieges dämpfen Erholung

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Lage der deutschen Wirtschaft 

Die deutsche Wirtschaft hat Ende 2025 einen Erholungskurs eingeschlagen. Darauf deuten nicht nur der kräftige Anstieg des preisbereinigten Bruttoinlandsprodukts und die Zunahme der gesamtwirtschaftlichen Kapazitätsauslastung hin, sondern auch die spürbar verbesserte Auftragslage im Baugewerbe und in der Industrie. Allerdings ist diese Erholung untypisch, da sie nicht durch Impulse aus dem Ausland, also dem deutschen Exportgeschäft, ausgelöst wurde. Im Gegenteil: Die Warenausfuhren sind weiter gesunken, obwohl die Wirtschaftsleistung auf den deutschen Absatzmärkten erneut zugenommen hat. Die Erholung wurde vielmehr durch inländische Impulse eingeleitet, die im Zusammenhang mit der zunehmend expansiven Ausrichtung der Fiskalpolitik stehen. So legten im vierten Quartal 2025 vor allem die staatlichen Ausrüstungsinvestitionen sowie die öffentlichen Konsumausgaben kräftig zu. Auch hat sich die Auftragslage bislang vor allem bei Unternehmen in Wirtschaftsbereichen verbessert, die unmittelbar von den staatlichen Rüstungs- und Infrastrukturausgaben profitieren. Zusätzlich setzte aber auch der private Konsum seine Erholung fort und steigt seit nunmehr acht Quartalen in Folge. Hier machen sich die kräftigen Einkommenszuwächse bemerkbar, die die Kaufkraft bei rückläufiger Inflation zunehmend stärken.

„Ungeachtet des Energiepreisschocks dürfte sich die Erholung in Deutschland im weiteren Verlauf dieses Jahres fortsetzen, insbesondere weil staatliche Mehrausgaben für Infrastruktur, Klimaneutralität und Verteidigung ausgeweitet und zunehmend nachfragewirksam werden.“

Prof. Dr. Timo Wollmershäuser, Stellvertretender Leiter des ifo Zentrums für Makroökonomik und Befragungen und Leiter Konjunkturprognosen
Timo Wollmershäuser

Mit dem Beginn des Iran-Krieges Ende Februar sind die Weltmarktpreise für Rohöl und die europäischen Handelspreise für Erdgas kräftig gestiegen. Im Gegensatz zur Energiekrise, die im Februar 2022 mit dem Ausbruch des Russisch-Ukrainischen Krieges ihren Lauf nahm, ist jedoch gegenwärtig nicht mit einer unmittelbaren Angebotsverknappung in Deutschland, etwa in Form einer Gasmangellage, zu rechnen, da Deutschland nur in geringem Umfang Energielieferungen direkt von der arabischen Halbinsel bezieht. Dennoch hinterlassen die Unpassierbarkeit der Straße von Hormus, die Sperrung des Luftraums über dem Konfliktgebiet und die gegenseitigen Angriffe auf die Öl- und Gasinfrastruktur ihre Spuren auch in der deutschen Wirtschaft. Zum einen lässt die globale Verknappung des Rohöl- und Erdgasangebots die Rohstoffpreise teils kräftig steigen. Zum anderen besteht die Gefahr, dass Lieferketten insbesondere zwischen Europa und Asien gestört werden.

Im Deeskalationsszenario wird mit einem schnellen Ende des Konflikts mit vorübergehenden Anstiegen der Rohöl- und Erdgaspreise auf durchschnittlich 80 US-Dollar je Barrel bzw. 55 Euro je MWh in den Monaten März bis Mai gerechnet. Nach Beilegung des Konflikts sinken die Rohstoffpreise wieder zügig, ohne dabei allerdings die Niveaus vor Kriegsausbruch zu erreichen. Dieses Energiepreisszenario entspricht weitgehend den Markterwartungen am 4. März 2026. Um die konjunkturellen Auswirkungen des Konflikts zu beziffern, wird dieses Deeskalationsszenario einem Vorkriegsszenario gegenübergestellt, in dem die Annahmen über den weiteren Verlauf der Energiepreise in Übereinstimmung mit den Markterwartungen vor Ausbruch des Krieges Ende Februar festgelegt wurden. Im Gegensatz dazu wir im Eskalationsszenario unterstellt, dass der Konflikt deutlich länger dauern und mit einem schärferen und persistenteren Anstieg der Energiepreise einhergehen wird. In beiden Szenarien werden Störungen oder Unterbrechungen der globalen Lieferketten ausgeschlossen.
 

Konjunkturprognose Frühjahr 2026

Prognose der deutschen Wirtschaft

Ungeachtet des Energiepreisschocks dürfte sich die Erholung in Deutschland im weiteren Verlauf dieses Jahres fortsetzen, insbesondere weil staatliche Mehrausgaben für Infrastruktur, Klimaneutralität und Verteidigung ausgeweitet und zunehmend nachfragewirksam werden. Während die Finanzpolitik im Jahr 2025 trotz der Fiskalmaßnahmen der neuen Bundesregierung unterm Strich noch leicht restriktiv ausgerichtet war, was vor allem dem Auslaufen der Inflationsausgleichsprämien sowie einer kräftigen Erhöhung der Sozialversicherungsbeiträge geschuldet war, ist im laufenden und im kommenden Jahr mit deutlich expansiven Impulsen in Höhe von 0,7% bzw. 0,4% der Wirtschaftsleistung zu rechnen. Dies dürfte insbesondere die öffentlichen Konsum- und Investitionsausgaben weiter in die Höhe treiben.

Zudem dürfte auch das Exportgeschäft allmählich wieder Fahrt aufnehmen. Darauf deuten die Verbesserungen der ifo Exporterwartungen und des ifo Exportklimas in den vergangenen Monaten hin. Zwar belasten die US-Importzölle weiterhin die deutschen Ausfuhren in die Vereinigten Staaten. Hieran wird wohl auch die nach dem Urteil des obersten US-Gerichtshofs im Februar angepasste Zollpolitik der USA nichts ändern, die die effektive Zollbelastung der Welt und Deutschlands nur unwesentlich verändert hat. Dennoch scheinen die Anpassungen an die neuen Rahmenbedingungen größtenteils abgeschlossen zu sein. Jedenfalls sind die Ausfuhren in die Vereinigten Staaten zum Jahresende nicht weiter gesunken. Ein ähnliches Bild zeichnet sich auch bei den Exporten nach China ab, deren Rückgang seit dem Jahr 2021 im vergangenen Jahr zum Erliegen kam. Schließlich haben die Ausfuhren in den für deutsche Unternehmen mit Abstand wichtigsten Absatzmarkt, die Europäische Union, bereits im Verlauf des vergangenen Jahres an Schwung gewonnen.

Der Energiepreisschock verpasst dieser Erholung einen Dämpfer, bringt sie aber nicht zum Erliegen. Im Deeskalationsszenario führt die Verteuerung der Energiepreise in den kommenden Monaten zu einem kurzzeitigen Anstieg der Inflationsrate auf knapp 2,5%. Dies schmälert die Kaufkraft der privaten Haushalte und dürfte die Ausweitung ihrer Konsumausgaben in der ersten Jahreshälfte 2026 im Vergleich zum Vorkriegsszenario geringfügig reduzieren. Da auch die wichtigsten Absatzmärkte deutscher Unternehmen in ähnlicher Weise vom Energiepreisschock betroffen sind, fallen die erwartete Erholung des Exportgeschäfts und der privaten Investitionstätigkeit etwas schwächer aus. Im Eskalationsszenario bleibt die Inflationsrate länger erhöht und steigt in der Spitze auf knapp 3%. Dazu trägt nicht nur der in diesem Szenario kräftigere Anstieg der Energiepreise bei, sondern auch die zunehmende Überwälzung der gestiegenen Produktionskosten auf die Preise anderer Waren und Dienstleistungen. Darauf wird die Europäische Zentralbank mit einer Straffung ihrer Zinspolitik reagieren und in der zweiten Jahreshälfte 2026 den Leitzins um insgesamt 50 Basispunkte anheben. Auch die Konjunktur auf den Absatzmärkten dürfte die Folgen der gestiegenen Inflation stärker zu spüren bekommen. Insgesamt hinterlässt der Energiepreisschock im Eskalationsszenario daher größere Bremsspuren als im Deeskalationsszenario.

Alles in allem wird das preisbereinigte Bruttoinlandsprodukt im Deeskalationsszenario im laufenden Jahr voraussichtlich um 0,8% und im kommenden Jahr um 1,2% zunehmen. Damit wurde an der ifo Konjunkturprognose vom Winter 2025 festgehalten. Ohne den Energiepreisschock hätte sich allerdings eine leichte Aufwärtsrevision der Prognose für das laufende Jahr auf 1,0% ergeben, da sich die Wirkungen der fiskalischen Maßnahmen etwas schneller entfalten als ursprünglich erwartet. Demnach reduzieren die Folgen des Iran-Krieges das Wachstum im Deeskalationsszenario in diesem Jahr um 0,2 Prozentpunkte. Im Eskalationsszenario nehmen die konjunkturellen Belastungen spürbar zu und summieren sich in diesem und im kommenden Jahr auf 0,8 Prozentpunkte im Vergleich zum Vorkriegsszenario. Mit einem Anstieg des preisbereinigten Bruttoinlandsprodukts von nur noch 0,6% bzw. 0,8% in diesem und im kommenden Jahr setzt sich allerdings die Erholung im Prognosezeitraum, wenn auch in geringerem Tempo, fort.

Die Inflationsrate dürfte im Deeskalationsszenario in diesem Jahr wegen des Anstiegs der Energiepreise bei 2,2% und damit so hoch wie im Vorjahr liegen. Im Vorkriegsszenario wäre sie auf 2,0% gesunken. Im kommenden Jahr wird sie in beiden Szenarien voraussichtlich bei 2,2% liegen. Hier macht sich vor allem die geplante Anhebung des Mindestlohns um 5,0% bemerkbar, die insbesondere die Preise von verbrauchernahen Dienstleistungen steigen lässt. Im Eskalationsszenario steigen die Verbraucherpreise mit 2,5% in diesem und im kommenden Jahr stärker, weil zusätzlich zum Energiepreisanstieg auch die Kerninflationsrate als Folge der Zweitrundeneffekte höher ist.

Am Arbeitsmarkt kommt die konjunkturelle Erholung mit etwas Verzögerung an. In allen Szenarien liegt die Arbeitslosenquote im kommenden Jahr niedriger als in diesem Jahr. Während allerdings im Vorkriegsszenario der Höhepunkt der registrierten Arbeitslosigkeit bereits im ersten Quartal 2026 überschritten ist, verschiebt sich der Wendepunkt im Deeskalationsszenario in den Sommer und im Eskalationsszenario in den Herbst des laufenden Jahres. Auch die Zahl der Erwerbstätigen wird in diesem Jahr noch einmal sinken und erst im kommenden Jahr im Zuge der Erholung zunehmen. Dabei fallen die Veränderungen in Abhängigkeit des jeweiligen Szenarios unterschiedlich stark aus.

Der expansive Kurs der Finanzpolitik lässt die Finanzierungsdefizite des Staates in diesem und im kommenden Jahr kräftig anschwellen. Hinzu kommen im Deeskalationsszenario und im Eskalationsszenario konjunkturbedingte Mindereinnahmen und Mehrausgaben, so dass das Defizit im Jahr 2027 voraussichtlich bei 4,0 bzw. 4,3% in Relation zur Wirtschaftsleistung liegen wird. Insgesamt erhöht sich der Bruttoschuldenstand von 63,2% im Jahr 2025 auf 67,1% (Deeskalationsszenario) bzw. 67,9% (Eskalationsszenario) des Bruttoinlandsprodukts im Jahr 2027.
 

Eckdaten der Prognose für Deutschland

    Deeskalation Eskalation Vorkrieg
  2024 2025 2026 2027 2026 2027 2026 2027
Bruttoinlandsprodukt (Veränderung ggü. Vorjahr in %) -0,5 0,2 0,8 1,2 0,6 0,8 1,0 1,2
Erwerbstätige (1 000 Personen) 45 987 45 982 45 916 46 103 45 872 45 960 45 953 46 112
Arbeitslose (1 000 Personen) 2 787 2 948 2 979 2 778 3 009 2 877 2 937 2 747
Arbeitslosenquote BA (in %) 6,0 6,3 6,3 5,9 6,4 6,1 6,3 5,9
Verbraucherpreise (Veränderung ggü. Vorjahr in %)
- Gesamtinflationsrate 2,2 2,2 2,2 2,3 2,5 2,5 2,0 2,2
- Kerninflationsrate 2,9 2,6 2,1 2,4 2,2 2,5 2,1 2,4
Finanzierungssaldo des Staates
- in Mrd. EUR -115,3 -119,1 -174,0 -188,9 -180,0 -203,8 -168,6 -181,8
- in % des Bruttoinlandsprodukts -2,7 -2,7 -3,8 -4,0 -3,9 -4,3 -3,6 -3,8

 

Quelle: Statistisches Bundesamt, Bundesagentur für Arbeit, Deutsche Bundesbank; 2026 und 2027: Prognose des ifo Instituts.

© ifo Institut März 2026

Risiken für die Prognose

•    weiterer Verlauf des Iran-Krieges und Entwicklung der Energiepreise
•    mögliche zusätzliche Störungen globaler Lieferketten infolge des Konflikts
•    US-amerikanische Zoll- und Handelspolitik
•    wirtschaftspolitische Weichenstellungen in Deutschland
 

Kontakt

CV Foto von Prof. Dr. Timo Wollmershäuser

Prof. Dr. Timo Wollmershäuser

ifo Zentrum für Makroökonomik und Befragungen
Stellvertretender Leiter des ifo Zentrums für Makroökonomik und Befragungen und Leiter Konjunkturprognosen
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